120 Kilo auf 185 Zentimetern verteilt

120 Kilo auf 185 Zentimetern verteilt

Da Basler Zeitung – Alessandra Paone.

Mit dem Tessiner Lega-Mann Norman Gobbi würde ein wuchtiger Politiker in den Bundesrat gewählt

Gegenüber dem kleinen Bahnhof Ambrì-Piotta an der Via S. Gottardo in Ambrì steht ein grosses, hellgelbes Haus mit einem grossen Garten, darin ein kahler Baum. Am Balkon im zweiten Stock weht eine Tessiner Fahne. Ansonsten regt sich nichts. Vom Betrieb der Zahnarztklinik im Erdgeschoss ist nichts zu merken. Das Haus wirkt verlassen, wie im Übrigen die ganze Gegend am oberen Ende der Leventina, die an diesem grauen, kalten Tag Ende November noch trister erscheint.

In diesem Haus wohnte einst Norman Gobbi mit seiner Mutter. Damals wehte am Balkon noch die Fahne der Lega dei Ticinesi. Franco Celio kann sich noch gut an den jungen Gobbi erinnern. Der Tessiner FDP-Kantonsrat war an der Sekundarschule sein Geschichtslehrer. «Ich sehe ihn noch genau vor mir, wie er gross und schwer die Treppe hochrennt und ‹Nano, Lega!› ruft», erzählt er. Nano (Zwerg), so wurde der 2013 verstorbene Giuliano Bignasca genannt, Gründer der Lega dei Ticinesi und Gobbis politisches Idol. Gobbi sei ein guter und interessierter Schüler gewesen, sagt Celio. Ein leidenschaftlicher Debattierer. Feuer und Flamme für die Lega. «Manche sagen, er habe dank meinem Geschichtsunterricht zur Politik gefunden.»

Heute wohnt Norman Gobbi mit seiner Frau Elena und den beiden Kindern Gaia und William in Nante, einem Weiler, der zur politischen Gemeinde Airolo gehört. Der Bürgermeister von Airolo, Franco Pedrini, ist sein Nachbar und, so scheint es, ein Fan von ihm. Gobbi Bundesrat, das wäre perfekt. Für die Schweiz, das Tessin und die Leventina. Für alle halt. «Wir haben lange genug gewartet. Jetzt ist unser Moment gekommen.»

Flavio Cotti war der letzte Tessiner Bundesrat. Er trat 1999 zurück, seither wartet der Südkanton auf die grosse Gelegenheit, wieder in der Landesregierung vertreten zu sein. Jetzt ist sie da, mit 120 Kilo auf 185 Zentimetern verteilt, grösser denn je. Norman Gobbi, 38 Jahre alt, Legist und kantonaler Regierungspräsident, ist neben dem Zuger Thomas Aeschi und dem Waadtländer Guy Parmelin offizieller SVP-Kandidat für die Bundesratswahl vom 9. Dezember. Die SVP konnte er bereits von sich überzeugen, heute Dienstag wird er sich in den Fraktionshearings auch noch den anderen Parteien empfehlen. Während Gobbi in der Deutsch- und Westschweiz als Aussenseiter betrachtet wird, glauben die Tessiner je länger, je mehr an seine Chance. «Am Anfang
dachte ich, es sei ein Scherz. Natürlich habe ich mich gefreut, aber ich war total überrascht», erzählt Pedrini. Schon bald habe er aber gemerkt, dass es sich nicht um eine Juxkandidatur handelt. «Er scheint sowohl Christoph Blocher als auch Toni Brunner zu gefallen; sie haben ihn ja auch angefragt. Das will doch etwas heissen», sagt Pedrini und nickt bedeutungsvoll.

Durchschnitts-Tessiner will Gobbi

Bevor Gobbi nach der Trennung der Eltern mit seiner Mutter nach Ambrì zog, lebte er in Piotta. Beides sind kleine Dörfer, die mit anderen 13, noch kleineren Dörfern zur politischen Gemeinde Quinto gehören und zusammen auf insgesamt 1200 Einwohner kommen.Jeder kennt jeden, und jeder kennt Norman Gobbi.
Als ich kurz vor Mittag in Airolo in den Bus nach Quinto steige, ist ausser dem Chauffeur niemand da. Später füllt sich der Bus mit Schülern; es wird eng und laut. Das stört den Fahrer überhaupt nicht. Munter und redefreudig gibt er Auskunft. Den Norman, ja den kenne er. Noch besser kenne er aber seinen Vater. Als wir durch Piotta fahren, zeigt er mir das Restaurant, das einst Norman Gobbis Grossvater, Dante Gobbi, geführt hatte. «Sehen Sie dort vorne den Mann, der beim geparkten Auto steht? Das ist Normans Onkel.»

Der Buschauffeur, ein Freisinniger, glaubt, dass der Durchschnitts-Tessiner Gobbis Bundesratskandidatur begrüsst. Auch er, obwohl politisch nicht immer mit ihm einverstanden, könnte sich ihn gut als Magistraten vorstellen. Als Vorsteher des Justiz- und Polizeidepartements greift Gobbi auch mal zu unpopulären Massnahmen, um seinen Kanton vor allem vor der Grenzgängerflut aus dem Nachbarland Italien zu schützen – über 60 000 Italiener arbeiten im Tessin. Derzeit ist jeder vierte Arbeitnehmerm Grenzgänger und jeder zweite Ausländer.

Zur Stärkung des Tessiner Arbeitsmarktes und zum Schutz der einheimischen Arbeitnehmer erhöhte Gobbi die Quellensteuer auf Gemeindeebene von 78 auf 100 Prozent. Anschliessend beschloss er, dass alle Ausländer, die eine Aufenthaltsbewilligung wollen, ein Strafregister vorlegen müssen.

Die Massnahmen lösten in Rom beinahe eine diplomatische Krise aus; in Bern führten sie dazu, dass Bundesrätin Eveline Widmer-Schlumpf Anfang September mit einer Delegation in den Südkanton reiste. Gobbi empfing die Gäste aus der Bundesstadt mit einem Lächeln und wich kein bisschen von seiner Haltung ab. «Manchmal muss man den Leuten auf die Nerven gehen, um etwas zu erreichen», sagte Gobbi der BaZ eine Woche nach dem hohen Besuch. Und kurz nachdem ihn die Tessiner SVP offiziell als Bundesratskandidaten nominiert hatte, sagte er mit breitem Grinsen: «Wenn ich Bundesrat werde, muss bei Problemen nicht gleich eine Delegation ins Tessin reisen. Mit mir sitzt dann eine direkte Ansprechperson in Bern.»

Neben Norman Gobbi steht im Tessin noch ein anderer grosser, schwerer Mann bereit, im «Chalet fédéral» Platz zu nehmen: CVP-Ständerat Filippo Lombardi. Allerdings erhält dieser seine Chance erst bei einem frühzeitigen Rücktritt der CVP-Bundesrätin Doris Leuthard. Und dann auch nur, wenn es ihm gelingt, aussichtsreiche Anwärter wie Pirmin Bischof oder Christophe Darbellay auszustechen.

Für den Buschauffeur wäre auch Lombardi ein valabler Bundesrat, aber eher zu einem späteren Zeitpunkt. «Mit dem aktuellen Flüchtlingsproblem und dem zunehmenden Wunsch der Bevölkerung nach mehr Sicherheit ist Gobbi derzeit wohl der geeignetere Kandidat», sagt er. Ein Bundesrat Lombardi wäre auch für Airolos Gemeindepräsidenten Franco Pedrini durchaus vorstellbar, vor allem weil dieser wie er der CVP angehört. «Eigentlich müsste ich Lombardi die Daumen drücken. Aber wichtig ist, dass wir so rasch als möglich einen guten Bundesrat aus dem Tessin haben, und Norman ist nun mal näher am Ziel», sagt Pedrini. Bei Lombardi komme noch seine Partei mit taktischen Überlegungen erschwerend hinzu. «Bei der Lega wird hingegen nicht taktiert, dort geht es um alles oder nichts.»

Einen Bundesrat um jeden Preis, damit kann der Freisinnige Franco Celio nicht viel anfangen. Anders als die meisten Tessiner ist er der Meinung, dass die Interessen der Kantone am besten durch ihre jeweiligen Parlamentariervertreten werden. Einen Bundesrat aus dem Tessin zu haben, müsse nicht gleich mehr Einfluss bedeuten. Flavio Cotti etwa habe dem Tessin nicht mehr gebracht als ein Bundesrat aus
einem anderen Kanton.

Celio, der Gobbi als Schüler erlebte und der heute als Kantonsrat politisch mit ihm zu tun hat, bezweifelt, dass im Tessin alle hinter seiner Kandidatur stehen. «Wer ihn nur aus den Medien kennt, ist wenig begeistert. Er ist zwar gereift, die populistische Lega-Sprache des Giuliano Bignasca hat er aber nicht verlernt», sagt Celio.

Quinto, Hochburg der Bundesräte

Nach Enrico Celio (1940–1950) und Nello Celio (1966–1973) wäre Gobbi bereits der dritte Bundesrat, der aus einem Dorf der Gemeinde Quinto stammt. «Eine Wahl Gobbis würde den Lokalstolz verstärken», sagt Nicola Petrini, Gemeindeverwalter von Quinto. Quinto, die Hochburg der Bundesräte sozusagen. Aus der Leventina stammte auch Giuseppe Motta. Seine Amtszeit von 28 Jahren (1912–1940) ist die bisher drittlängste aller Bundesräte, fünfmal hatte er das Amt des Bundespräsidenten inne.

Auf der Rückfahrt von Quinto nach Airolo fährt der Bus durch Piotta. Wäre da nicht das Ortsschild, man würde es glatt übersehen. Die Gobbis stammen aus Piotta. Googelt man im Internet das Dorf, kommt immer wieder der Name Gobbi. Norman wird meistens als Persönlichkeit aufgeführt. Um die verschiedenen Familienstämme voneinander zu unterscheiden, gab man ihnen einen Übernamen. Norman Gobbis Familienstamm hiess Vais. Warum, das kann man nicht so genau sagen. Der Historiker Franco Celio vermutet, dass es an dem schlohweissen Haar liegt, das die Gobbis im Alter bekommen. «Gobbis Vater, Onkel und Grossvater, alle haben sie weisse Haare. Norman wird bestimmt auch mal ganz weiss werden.»

Der Bus fährt weiter durch Ambrì, vorbei am hellgelben Haus mit der wehenden Tessiner Fahne. Vorbei an Norman Gobbis Lebensstationen. Die nächste wird vielleicht Bern sein. Doch dort fährt dieser Bus nicht vorbei.

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