Das Flüchtlingscamp vor Chiassos Toren

Das Flüchtlingscamp vor Chiassos Toren

Dal Neuer Zürcher Zeitung del 10 agosto 2016 | Die Zahl der Gestrandeten an der Grenze zur Schweiz wächst rasch Etwa 500 Migranten biwakieren am Bahnhof der italienischen Grenzstadt Como. Sie alle hoffen auf Weiterreise in die Schweiz.

«Como San Giovanni»: So heisst der erste Bahnhof auf italienischem Boden. Diesen passieren alle Zugreisenden Richtung Süden, wenn sie die Schweizer Grenzstadt Chiasso hinter sich gelassen haben. Der etwas verlotterte Bau dient aber auch immer mehr Flüchtlingen auf ihrem Weg nach Mittel- und Nordeuropa als Zwischenstation.

Dass Migranten in Como landen, ist nichts Aussergewöhnliches – doch heuer campieren sie zuhauf beim Bahnhof, weil ihre Zahl so rasch zunimmt. Vor zwei Wochen waren es noch schätzungsweise 250 Personen, die unter dem Dach des Bahnhofeingangs oder im angrenzenden Park auf Matten die Nacht verbrachten. «Am Montagabend haben wir schon 500 Portionen Abendessen ausgegeben», sagt auf Anfrage Roberto Bernasconi, Diakon des Hilfswerks Caritas Como. Dies sei die einzige Möglichkeit, die Zahl der Flüchtlinge einigermassen zuverlässig festzustellen. Es zeichne sich ab, dass noch mehr Menschen kämen.

 

De facto ein Notstand

Laut Bernasconis Worten schlafen die meisten Migranten unter freiem Himmel. De facto herrsche in Como ein Notstand. Doch Rom wolle keinen ausrufen, solange alles unter Kontrolle sei. Und auch der kürzliche Besuch einer Uno-Flüchtlingsdelegierten habe daran vorerst nichts geändert. Der Diakon sorgt sich, wie lange dies noch gutgehen könne. Er schliesst eine massive Zuspitzung der Lage nicht aus. Auch Comos Stadtpräsident ist beunruhigt: Die Situation könne angesichts der Flüchtlingszahl nicht mehr lange so gehandhabt werden, wird er im «Corriere del Ticino» zitiert. Es fehle mittelfristig an Platz. Man erwäge die Errichtung einer Zeltstadt im Park vor dem Bahnhof.

Die meisten Flüchtlinge wollen weiter nach Chiasso, und zwar mit dem Zug. Aber nicht, um in der Schweiz zu bleiben: Ihr Ziel seien Deutschland, Belgien, Holland oder Skandinavien, sagt Bernasconi. Nach seiner Einschätzung besteht das Flüchtlingscamp am Bahnhof ungefähr zu gleichen Teilen aus Neuankömmlingen – meist aus dem süditalienischen Auffanglager in Taranto – und aus Personen, die von der Schweizer Grenzwacht nach Italien zurückgebracht worden sind. Die italienische Polizei schicke zweimal wöchentlich etwa fünfzig dieser Personen nach Taranto zurück, doch nach zwei Tagen tauchten manche wieder in Como auf, fügt Bernasconi an.

Laut der Eidgenössischen Zollverwaltung sind an der Schweizer Südgrenze in der ersten Augustwoche 1681 Flüchtlinge als rechtswidrige Aufenthalter identifiziert worden. Dabei handelt es sich um Personen, welche die Einreisebedingungen für die Schweiz bzw. den Schengen-Raum nicht erfüllen und auch kein Asyl suchen. Es sind mehr als doppelt so viele wie Ende Mai; zu jenem Zeitpunkt begann die Zahl der Flüchtlinge rasch zuzunehmen. Die hohen Migrationszahlen im Sommer entsprächen den Erwartungen des Grenzwachtkorps, sagt dessen Sprecher David Marquis. Der Grund dafür sei, dass im Sommer wegen der besseren Witterung deutlich mehr Boote mit Flüchtlingen in Italien landeten.

 

Viele versuchen es erneut

1275 Migranten, die in der letzten Woche angehalten worden sind, sind gemäss Abkommen nach Italien zurückgebracht worden – so viele wie noch nie in diesem Jahr. Ende Mai waren es nur 77 Personen gewesen. Und wie viele der Weggewiesenen versuchen nach einer Verschnaufpause in Comos Bahnhof wieder ihr Glück in Chiasso? Laut Marquis gibt es dazu keine Statistik. Aber man stelle fest, dass Migranten wiederholt versuchten, in die Schweiz einzureisen.

Der Tessiner Justiz- und Polizeidirektor Norman Gobbi fordert von Bundesbern, die Grenzwacht mit Militärpolizisten zu unterstützen. Dies, obschon die Grundbedingung von mindestens 10 000 Asylanträgen pro Monat nicht erfüllt ist – er argumentiert mit der Dimension der Migration an der Südgrenze. Weiter solle der Bund international klar signalisieren, dass man keinen humanitären Transitkorridor geöffnet habe. Die falschen Hoffnungen der Migranten müssten zerschlagen werden. Apropos Transit: Wie Diakon Bernasconi vermutet auch Gobbi, dass die meisten Migranten weiter Richtung Norden reisen und die Schweiz nur durchqueren wollen. Gerade darum werde die Mehrzahl der in Chiasso Ankommenden nach Italien zurückgeführt. Das Phänomen des Transits sei neu und müsse näher betrachtet werden.

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