«Es war ein Fehler, einen Italiener anzustellen»

«Es war ein Fehler, einen Italiener anzustellen»

Da Tages Anzeiger | Im Tessin schlägt ein mutmasslicher Korruptionsfall um das Migrationsamt hohe Wellen. Sicherheitsdirektor Norman Gobbi über die Probleme des Südkantons.

Am Mittwochabend wurde bekannt, dass ein Bauunternehmer illegale Arbeiter aus Drittstaaten ins Tessin geholt und sie weitervermittelt hat. Dabei halfen ihm Angestellte des Tessiner Migrationsamtes. Was ist der Stand der Dinge?
Zum Glück war nur noch einer der Kantonsangestellten aktuell bei uns tätig. Er ist momentan suspendiert, und gegen ihn läuft ein Verfahren. Eine andere Angestellte wurde bereits früher wegen disziplinarischer Massnahmen entlassen. Dies hatte aber nichts mit dem am Mittwoch kommunizierten Fall von Menschenhandel zu tun. Bei der dritten Person handelte sich um eine Praktikantin, die nur ein Jahr auf dem Migrationsamt arbeitete.

Wie konnte das nur passieren?
Die Situation ist natürlich nicht erfreulich, weil das Vertrauen der Behörden und der Bevölkerung missbraucht wurde. Zudem ist es besonders ärgerlich, weil es im für das Tessin sehr sensiblen Bereich der Migration geschah.

Praktikantin, disziplinarische Massnahmen das spricht aber nicht für ein professionelles Verhalten der Tessiner Behörden.
Wir können nur ab und zu Stichproben machen. Das Migrationsamt behandelt jährlich 77’000 Fälle und hat nur 70 Mitarbeiter. Sie arbeiten also unter enormem Druck.

Offenbar handelte es sich bei dem Kantonsangestellten um einen erst kürzlich eingebürgerten Italiener. Ist es nicht etwas billig, die Schuld auf einen Ausländer abzuschieben?
Nein, es war ein Fehler, einen Italiener anzustellen – und vor allem nicht in einem Migrationsamt. Das ist für mich nicht tragbar. Ich habe noch nie gehört, dass bei den italienischen Behörden Schweizer arbeiten dürfen. Deshalb stellen wir in unserem Departement nur noch hier geborene oder eingebürgerte Schweizer an.

Abgesehen von diesem Vorfall erreichen uns immer wieder irritierende Nachrichten aus Ihrem Kanton: Das Burkaverbot, die Registrierpflicht für ausserkantonale Handwerker oder der obligatorische Strafregisterauszug für Ausländer. Haben Sie keine Angst, dass das Image des Tessins darunter leidet?
Solange das Tessin die Last alleine tragen muss, wird sich nichts ändern. Nur ein paar Beispiele: Über welchen Kanton kommen zwei Drittel aller illegal eingereisten Personen in die Schweiz? Das sind immerhin 30’000 Menschen. Wer hat die meisten Grenzgänger der Schweiz? Wir haben gleich viele Grenzgänger wie die ganze Deutschschweiz zusammen. Der Tessiner Arbeitsmarkt besteht zur Hälfte aus einheimischen und zur anderen Hälfte aus ausländischen Arbeitnehmern. Wir waren immer ein Sonderfall, und die heutigen Herausforderungen bestätigen das.

Müssen wir uns ums Tessin sorgen? Ist es ein Pulverfass?
Sagen wir es so: Wir sind ein Labor, wo die politischen, sozialen und wirtschaftlichen Problematiken früher auftreten als in der übrigen Schweiz. Das haben die Leute satt. Wir müssen viele Probleme allein lösen, ohne Rückendeckung von Bern und der Deutschschweiz. Deshalb kommen aus dem Tessin immer wieder solche «beunruhigenden» Neuigkeiten.

Die kantonale SVP-Initiative «Zuerst die Unsrigen» wurde im September mit 58 Prozent gutgeheissen. So soll bei gleicher Qualifikation einem Tessiner Bewohner der Vorzug vor einem Ausländer gegeben werden. Das erinnert an Trumps America First.
Zumindest lässt sich sagen, dass die Probleme oft zuerst im Tessin auftreten. Deshalb wurde das Tessin kürzlich als Laboratorium für soziale Probleme und den Rechtspopulismus bezeichnet

Ist Trump ein Vorbild für Sie?
Wenn ich sehe, was im Tessin, teilweise in der Schweiz und auch weltweit passiert, dann ich stelle ich diplomatisch fest, dass die Globalisierung nicht ganz geglückt ist. Es gibt ähnlich wie in den USA auch hierzulande eine zunehmende Spaltung zwischen Stadt und Land. Randregionen wie das Tessin haben das Nachsehen.

Sind sind also ein Trump-Fan?
(schmunzelt) Mir gefällt Trump, obwohl ich natürlich nicht alles gutheisse, was er tut.

(Intervista di Michael Soukup: http://www.tagesanzeiger.ch/schweiz/herr-gobbi-ist-das-tessin-ein-pulverfass/story/19294958)

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