Mutmasslicher IS Rekrutierer im Tessin verhaftet

Mutmasslicher IS Rekrutierer im Tessin verhaftet

Da Tages Anzeiger | Der Sicherheitsmitarbeiter soll für den Jihad rekrutiert haben. Es wurde auch ein Verfahren wegen Freiheitsberaubung eröffnet

Eine Anti-Terror-Operation dieses Ausmasses hat es im Tessin noch nicht gegeben. Mehr als 100 Beamte von Kantons- und Bundeskriminalpolizei führten gestern diverse Hausdurchsuchungen im Kanton durch. Im Fokus stand vor allem der Raum Lugano. Auch ein Gebetsraum wurde durchsucht. Es handelte sich gemäss inoffiziellen Quellen um die Moschee in Lugano-Viganello.

Das durchsuchte Gotteshaus war bereits Anfang 2015 im Zusammenhang mit einem Jihadisten in die Schlagzeilen geraten. Der sogenannte «Jihadist von Viganello» soll später in Syrien umgekommen sein soll. «Nicht alle Moscheen sind Radikalisierungsorte, aber es sind sensible Orte», betont der Tessiner Justizdirektor Norman Gobbi. «Die Radikalisierten und Radikalisierer kommen auch in die Moscheen.» Deshalb erwarte er, «dass die muslimischen Organisationen mit den Behörden zusammenarbeiten».

Der gestrige Grosseinsatz der Polizei erfolgte im Rahmen eines Verfahrens der Bundesanwaltschaft gegen einen schweizerisch-türkischen Doppelbürger, der verhaftet wurde, sowie gegen einen türkischen Staatsbürger, zu dem bislang nichts weiteres bekannt ist. Gegen die zwei Männer wird ein Strafverfahren wegen mutmasslichen Verstosses gegen das sogenannte IS-Verbot geführt. Zudem wird wegen des Verdachts auf Unterstützung beziehungsweise Beteiligung an einer kriminellen Organisation und wegen Gewaltdarstellung ermittelt. Konkret hegt die Bundesanwaltschaft den Verdacht, dass versucht wurde, Personen «für den Islamischen Staat oder verwandte Organisationen» zu rekrutierten.

Geschäftsführer verhört

Eine Schlüsselrolle in diesem Fall spielt der verhaftete schweizerisch-türkische Doppelbürger. Dieser arbeitete für eine Sicherheitsfirma aus der Region Bellinzona, die unter anderem für die Bewachung des kantonalen Asylzentrums in der Gemeinde Camorino zuständig war. Hat der Verhaftete versucht, unter den Asylbewerbern Personen für den Islamischen Staat anzuwerben? Diese Frage liegt nahe. Tatsache ist, dass diese private Sicherheitsfirma ihrerseits ins Visier der Tessiner Staatsanwaltschaft geraten ist.

Damit überlappen sich Ermittlungen der Bundesanwaltschaft mit einem Fall, den die Tessiner Staatsanwaltschaft untersucht. Wie die Kantonspolizei bekannt gab, wurde gestern auch der 36-jährige Geschäftsführer der Sicherheitsfirma verhaftet. Gegen ihn wird auf kantonale Ebene wegen Verstosses gegen das Arbeitsgesetz und das Gesetz der privaten Sicherheitsfirmen, vor allem aber wegen Freiheitsberaubung und Gewalt gegen mindestens einen Asylbewerber ermittelt. Die Sicherheitsfirma wurde umgehend von ihren Aufgaben im Migrationswesen entbunden.

Die gross angelegte Anti-Terror-Aktion kam gestern vollkommen überraschend. Am Dienstag hatte Bundesanwalt Michael Lauber bei einem Besuch seiner Kollegen in Lugano noch im Geheimen Details des Einsatzes erörtert. Danach sprach er in der Universität von Lugano in einer von Justizdirektor Gobbi lancierten Veranstaltung über «Organisierte Kriminalität in der Schweiz». Über den bevorstehenden Grosseinsatz war bei dieser Veranstaltung nichts durchgesickert. Laut dem Lega-Staatsrat sagte der Bundesanwalt, dass die Migrationsströme die Gefahr brächten, dass auch Radikalisierte davon profitieren könnten. Die Schweiz ist gemäss Gobbi weniger Anschlagsziel, als «möglicher Rekrutierungs-, Beschaffungs- und Finanzierungsort» für Terroristen. Das Tessin sei «exponiert». Gobbi verweist auch auf das nahe Mailand: «Vor unserer Grenze liegt eine grosse Metropolitanregion mit allen Risiken, mit No-go-Zonen und problematischen Stadtvierteln.»

Aus dem Gebiet stammt auch ein Freund des «Jihadisten von Viganello», ein Marokkaner, der in Italien lebte und in der Schweiz K-1 trainierte. Er wurde sogar Schweizer Meister in der Kampfsportart. Vergangene Woche ist er in Mailand wegen IS-Unterstützung zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt worden. Seine Frau erhielt wegen ähnlicher Vorwürfe eine Freiheitsstrafe von vier Jahren.

(Articolo di Lob Gerhard / Knellwolf Thomas)

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